Die Lehren des Lasters

NRZ Mülheim vom 02.11.2008 - T.M.

Wer hätte gedacht, dass es so viele Mülheimer ins Kloster zieht?

Der Säkularisierung zum Trotz scheint das Klosterleben zu faszinieren.

Dabei kann man beim Besuch des neuen Klostermuseums in Saarn erfahren, dass das Leben im Kloster gar nicht so viel anders als außerhalb der Klostermauern war. Es musste hart gearbeitet werden und die Klosterfrauen von Saarn wurden schon mal nervös, so dass sie, nicht nur für den Eigenbedarf, Johanniskraut und Melisse anpflanzten.

Dass die Zisterzienserinnen von Kloster Saarn nicht nur fromme Betschwestern waren, macht eine überlieferte Geschichte deutlich, wonach der päpstliche Nuntius Fabio Chigi die Saarner Nonnen Mitte des 17. Jahrhunderts mit einem Mahnbrief zur Ordnung rufen musste, weil sie "zu weltlich" geworden waren. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Man muss wissen, das Fabio Chigi, der später als Papst Alexander VII. den Stuhl Petri besteigen sollte, damals als Diplomat von Köln nach Münster reiste, um den Dreißigjährigen Krieg zu beenden. Und in dieser Zeit ging es unter dem Deckmantel des Glaubens bekanntlich gar nicht fromm zu. Da waren die lebenslustigen Ordensfrauen in Saarn wohl das weitaus kleinere Problem als die gewalttätigen Heerscharen, die im Namen von Papst und Protestantismus aufeinander einschlugen. Leider war auch das Ende dieses schrecklichen Krieges nicht das Ende aller Kriege. Das ist unter anderem an der alten Pistole im Klostermuseum Saarn abzusehen, die uns von der Gewehrfabrik erzählt, die nach den Nonnen ins ehemalige Kloster einzog.

Angesichts solcher Mordwerkzeuge erscheinen mal mehr, mal weniger fromme Klosterfrauen geradezu als ein Geschenk des Himmels. Vielleicht gilt ja damals wie heute, dass nur der die Tugend zu schätzen weiß, der das Laster kennt, weil ein Mensch Gott sei Dank ein Mensch bleibt, ob er nun im Kloster lebt oder nur zu Besuch ist, um sich ein aufschlussreiches Museum anzusehen.

Aktualisierung: 03.11.2008 - 09:29 / Redakteur: Admin
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